Posts nach Themen sortiert

Montag, 13. Juli 2020

Erstbegehungsgeschichten Teil 2







Hier noch einmal der Link zum 1. Teil:
http://kayakandclimb.blogspot.com/2020/04/erstbegehungsgeschichten-teil-1.html

Wie schon angekündigt folgte meine Sturm- & Drangzeit. In diesen Jahren gab es zu viele Wege als das man über alle etwas schreiben kann. Welche Erstbegehung jedoch symbolisch für diese Zeit steht ist Chris-Jans und meine gemeinsame Erstbegehung am Wolfsturm.
Deshalb beginnt der 2. Teil der Erstbegehungsgeschichten mit diesem Erlebnis.


Wolfsturm, Stiller Wolf 10b RP 11a, 2002

Außer dem Klettern hatten wir ja nicht viel zu tun als wir jung waren. Deshalb wurde in allen Lebenslagen an Klettern gedacht oder davon gesprochen. Naja in fast allen Lebenslagen. Irgendwann meinte Kuno eher so im Scherz, Chris-Jan und ich sollte eine gemeinsame Erstbegehung einmal "Stiller Wolf" nennen als Kombination unserer Familiennamen. Eigentlich eine witzige Idee, aber passender wäre allerdings "Der Wolf und sein stilles Geißlein". Es sollte ja auch nur ein Wortspiel sein und wenn möglich an einem der Gipfel mit "Wolf" im Namen. Fündig wurden wir irgendwann am Wolfsturm und wir waren der Meinung, dass? der Gipfel bereits voll erschlossen ist. Die letzte große Linie hatte sich Uwe Richter in der Mitte der Talseite gesichert und unser Weg würde wahrscheinlich nur eine Einstiegsvariante zu "Hase & Wolf" werden. Naja, auch egal. Hauptsache schwer und der Witz mit dem Namen ist an den Fels gebracht. Ende April an einem kühlen regnerischen Tag, machten wir die ersten Versuche. Im Handbetrieb schlugen wir die ersten beiden Ringe und ich war hoch erfreut, wie schwer die Wand war.


Chris-Jan beim Schlagen des 2.Ringes von Stiller Wolf.

Wenn man per Hand mit dem Kronenbohrer bohrt muss der Sand gelegentlich aus dem Bohrer geklopft werden.
  Anfang Mai kehrten wir zurück und dieser Tag war wie eine Erleuchtung für uns. An der Stelle wo wir links in "Hase & Wolf" einmünden wollten, gab es geradeaus immer noch ein paar Fingerlöcher. Diese waren zwar flach und weit auseinander aber Chris-Jan konnte den 3. Ring schlagen ohne in die Eisenplatten vom Nachbarweg zu queren. Voll motiviert und hoch erfreut ging es weiter. Ich war an der Reihe und nach einigen weiten Zügen, sowie noch weiteren Stürzen, waren 3 weiter Ringe im Fels und der Akku der Bohrmaschine leer. Der 6. Ring war mein erstes positives Erlebnis mit einem Skyhook. Bei mir ist es üblich, das? ich sehr lange am zukünftigen Standort des Ringes hänge, ehe mich die Kraft verlässt und ich so genötigt werde mein ganzes Körpergewicht wenigen Millimetern Stahl anzuvertrauen. Nicht ohne Grund wurde ich von vielen Leuten auch Duracell genannt. Mein 3. Ring des Tages war allerdings das genaue Gegenteil. Nach mehreren weiten Zügen kam ein weiter Untergriffzug den ich nicht mehr zurückklettern konnte. Noch wenigen Sekunden und mir würde die Hand aufgehen und ich müsste die 4 Meter noch einmal klettern . Also schnell den Skyhook in das Loch neben die Hand gelegt reingesetzt und gut. Nichts mit langem Schütteln, zweifeln und mit mir selber Mut zuzureden. Nur reinsetzen und gut. Das es so einfach sein kann, hätte ich nie für möglich gehalten. Durch den mentale Druck des bevorstehenden Absturzes, war ich dieses Mal über jeden Zweifel erhaben. Es fühlte sich echt toll an, aber es ergeht mir nur bei sehr wenigen Ringen so. Für den Tag waren wir fertig aber ich war Feuer und Flamme für die Route. Ich wollte unbedingt wissen, ob die Griffe in einer komplett separaten Linie bis zum Gipfel reichen. 


Schneller geht es da mit der Bohrmaschine (3.R Stiller Wolf)
Gegen den Sand vom Bohren hilft auch ein T-Shirt.




5 kg Kampfgewicht, brachte die Hilti damals noch auf die Waage.
Der letzte Ring kommt am Wolfsturm in den Fels und der handwerkliche Teil war damit beendet.


Ende Mai, also beim nächsten Besuch, folgten die letzten 2 Ringe und das Lächeln wollte mir nicht mehr aus dem Gesicht weichen. Kamen wir anfangs an den Wolfsturm um eine Variante zu erschließen, stellte diese jetzt den Originalweg in den Schatten. Da die Wand beachtlich überhängt, sollte die neuer Route erst im RP durchgestiegen werden, bevor sie im Gipfelbuch erscheint. Es war einiges an Überredungskünsten nötig, um Chris-Jan innerhalb der wenigen Wochen ein weiteres mal zum Wolfsturm zu locken. Er vertrat halt die Meinung, es ist doch nicht nötig sich zu beeilen, die Wand läuft uns schon nicht davon. Naja, besonders geduldig war ich in dieser Hinsicht noch nie. Ich brannte ja auch lichterloh für diese Linie. Zudem wollte ich endlich wissen, ob sie für uns im Durchstieg zu klettern geht. Am Samstag den 14.06.2001 war es dann endlich so weit. Wir waren auf dem Königsweg, kurz vor unserem Ziel, als ein Wolkenbruch niederging. Nach einer Stunde Regen, war der Wolfsturm für den Tag gestorben und wir wählen als Plan B das Schwarze Horn in Schmilka. Nicht gerade um die Ecke, aber dort konnte man noch einen regensicheren Direkteinstieg zum "Zugzwang" erstbegehen. Wir hatten ja immer Schlagzeug und Ringe dabei. So gab es am Ende des Tages, wieder einen schweren Weg mehr im Gebirge. Leider brach später ein Aspirant in der "Zwangsvollsteckung" den Schlüsselgriff aus und ich konnte diesen Weg bis heute nicht wieder RP Durchsteigen, aber das ist eine andere Geschichte. Das Thema Wolfsturm war immer noch offen. Ich wollte es am Folgetag noch einmal probieren, aber da gab es ein Problem. Der 2. Namensspender hatte in der kommende Nacht, unter seinem Künstlernamen "DJ Duplex", einen Auftritt. Er würde also nicht vor Sonnenaufgang, dafür dann aber lärmgeschädigt und übernächtigt nach Hause kommen. Ihn dann zum 5. Mal innerhalb von 8 Wochen zum Wolfsturm zu bewegen, war wohl mein erfolgreichstes Verkaufsgespräch. Wer solche Freunde wie mich hat, der braucht keine Feinde. Als Chris-Jan übernächtigt, gegen Mittag, am Wolfsturm ankam, waren wir nicht alleine. Es hatte sich herumgesprochen, das Uwe Richters "Isegrim" ein tolle neue Route ist, weshalb selbst Uwe? mit Karen vor Ort war. Dazu kamen Rolle & Neddl, sowie Rüdiger und Kuno. Auch meine Eltern schauten auf einer Wanderung bei uns vorbei, was mich besonders freute, da sie mir das Klettern in die Wiege gelegt hatten. Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt, der Durchstieg glückte und viele der Anwesenden probierten unsere Route und sie wurde  von AF 10c einen Grad  abgestuft . Leider fand sich zum 3.Ring eine Variante im Linksbogen zu den Platten vom "Hase & Wolf". Obwohl wir diese Griffe nicht benutzen stellte dies eine erhebliche Vereinfachung der Einzelzüge dar. Da jedoch die leichteste Variante zählt und nicht der Wunschtraum von zahlenverliebten Nachwuchskletterern reduzierten wir die AF Schwierigkeit auf 10b. So fand auch diese Geschichte ihr Ende und am  Abend stand endlich unser Wortspiel im Gipfelbuch.
Was mit eine Wortspiel anfing steht ist nun beendet. Der Gipfelbucheintrag vom Wolfsturm




Frienstein, Herr der Ringe 10c RP 11b, 2002


Nicht alle Erstbegehungen waren so schnell und unkompliziert verlaufen wie Stiller Wolf. Das Neuland mit den größten Hindernissen, war eindeutig am Frienstein. Das Witzige ist, dass die Idee eigentlich gar nicht von mir, sondern von Kuno stammte. Bei unserem ersten Treffen, im Bielatal, erwähnte er die Kante. Er erwähnte auch, dass die Kante bereits von Jens Triebel angefangen war. Ich setzte mich 1999 mit Jens Triebel in Verbindung und fragte, ob er das Projekt noch weiter verfolgen wolle. Die Anspruchszeit war bereits abgelaufen aber, er würde gerne noch 1 Jahr versuchen, ob er eine Chance hätte. Kein Problem für mich und so wartete ich, bis diese Zeit verstrichen war. Am 14. September ging es zum Frienstein und das Ziel des Tages war es, erst mal zu schauen und vielleicht einen 2. Ring zu schlagen. Eigens dafür hatte ich mir die Bohrmaschine, damals noch die 5kg Hilti, geborgt. Wie ich so unter der Kante stand und hochschaute war die erste Namensidee für diese Kante "Hale Bopp", weil die Kante wie der Kometenschweif gebogen war. Auch der Rarität der Linie, sollte mit dem Namen Rechnung getragen werden. Das die Ironie und mein Unvermögen, der Kante später zu einem ganz anderen Namen verhelfen würde, war noch nicht absehbar. Das Schlagen des Ringes, war nach meiner heutiger Ansicht, extrem leichtsinnig. Nicht nur, dass der erste Ring überstiegen war, ich hing ausschließlich an einer Eisenwarze und belastete diese schräg nach außen. Heute weiß ich, dass es deutlich besser ist, eine Trittschlinge zu verwenden und solche Strukturen beim Ringschlagen nach unten zu belasten. Da ich es persönlich nervig fand, sich in eine Kette von Expressschlingen zu setzen, welche nie die richtige Länge hatten, verfeinerte ich Kunos Technik, in den nächsten Jahren. Wenn Kuno sich ganz kurz an eine Schlinge oder einen Cliff setzen wollte, nahm er eine dünne Rundschlinge doppelt zwischen 2 Karabinern und zog sich damit selber so hoch es eben ging. Das dies teilweise sehr hoch geht, merkt man schnell beim Klettern von Kunos Wegen . Diese Lösung kam für mich leider nicht in Frage, weil man dafür 2 Hände benötigte und ich eine Hand fast immer am Fels belasse. Meine Lösung war einfach, den Spannriemen der Isomatte zu verwenden.


Beim Schlagen vom 3.Ring von "Herr der Ringe". Damals wurde sich noch irgendwie in Expressschlingen gesetzt.
Not macht erfinderisch, Angst auch. Mit dem Spannriemen ging Jahre später es deutlich besser.



Über dem herausstehenden 4.Ring ging es erst einmal ohne Ring weiter. Foto Martin Richter
Verbessert mit einer zusätzlichen Schlaufe, nimmt das heute fast jeder Erstbegeher in Sachsen. Also hat Angst doch auch was Gutes. An jenem Septembertag kam also der 2. Ring in den Fels. Dieser steckt genau auf 3m Abstand, aber durch den späteren Ausbruch einer von 3 Eisenwarzen, steckt dieser leider zu hoch. Beim Versuch weiterzuklettern kam ich nach 2,5 m an eine Stelle, die wieder einen Ring verlangte. Leider war dies mit den sächsischen Kletteregeln nicht zu vereinen. Mehrfach ging ich zum Projekt und versuchte über den angedachten Ringstandort hinauszuklettern, jedoch ohne Erfolg.

Mittlerweile weiß ich, dass die Natur vorgibt wo die Ringe platziert werden müssen. Wenn der Erstbegeher diese Gegebenheiten ignoriert, ist der Weg für alle verhunzt. Leider sind die Zeiten vorbei, wo die großzügigen Linien erschlossen werden konnten. Deshalb muss das vorhandene Potential sinnvoll genutzt werden. Bei Erstbegehungen in den großen Wänden in Madagaskar, Wadi Rum (Jordanien) oder den Alpen, waren unsere Hakenabstände im Durchschnitt immer >4m, aber manchmal war halt auch mal ein 2m Abstand dabei. Doch was für den Rest der Welt gilt zählt in Sachsen nicht viel.

Wieder brach ich die Erstbegehung ab und stellte den Antrag für einen zu engen Ringabstand. Leider sehen die starren sächsische Kletterregel keine Lösung für eine Kante wie diese vor. Ich bekam den Ringabstand von 2 mal 2,75 genehmigt, aber auf keinen Fall geringer. Die ideale Lösung ist das leider nicht. Perfekt für diese Kante wäre es gewesen den 2. Ring auf 1,9m und der 3. Ring müsste auch von seinem jetzigen Standort ca. 80 cm weiter runter gesetzt werden . Leider ist so etwas damals wie heute undenkbar. Selbst der Logik folgend, dass die Anzahl der Ringe dadurch unverändert bliebe, geht in manche Köpfe nicht hinein.


Auch das Schlagen der nächsten beiden Ringe, gestaltete sich nicht ohne Missgeschick. Der 4.Ring war leider ein Rohrkrepierer. Obwohl noch die Hälfte des Ringes herausragte, bewegte er sich keinen Millimeter mehr. Ob dies an zu viel bzw. abgerissenem Blei oder am zu stark abgenutzten Bohrer lag, kann ich nichtsagen. Jedenfalls bekam ich den Ring auch nicht mehr im Vorstieg aus dem Fels gezogen. Da war die einzige Lösung weiterklettern und den nächsten Ring schlagen. Da lag leider das Problem. Ich kletterte einige male zum nächsten Ringstandort und konnte mich leider nicht festmachen um den Ring zu setzen. Unzählige male stürzte ich in den halb herausstehenden und abgebundenen Ring. Irgendwann gab ich es auf und kletterte ohne Ring hoch. Der 5. Ring wurde nachträglich geschlagen, der 4.Ring herausgebohrt und anständig gesetzt. Bei all diesen Aktionen stand mir Chris-Jan mit Rat und Tat zur Seite ,damit ich nicht etwa die Bohrmaschine falsch herum halte. Erst daran erkennt man, einen echten Handwerker.


In den folgenden Jahren folgten unzählige Versuche die Kante RP zu durchsteigen aber es gelang uns nie. Ab 11:00 Uhr kam die Sonne um die Ecke und auf die Windrichtung im Wetterbericht haben wir damals leider noch nicht geachtet. Am Montag den 20.05.2002 gab ich es auf, die Route bei der Erstbegehung RP zu durchsteigen. Ich schrieb voller Ironie und Groll "Herr der Ringe" ins Gipfelbuch. Weitere Besuche beim Frienstein folgten. Die Odyssee endete erst 5 Monate später, am Reformationstag 2002, als der lang ersehnte Durchstieg glückte. Nicht nur dass die Fitness stimmte, es war kühl, trocken und stark bewölkt. Somit hatte ich mehr als nur 2h am Morgen Zeit, um die Kante zu Klettern. Damit ich beim Einhängen des 2. Ringes nicht Gefahr lief auf dem Boden zu landen, kletterte ich mit Doppelseil und zwei Sicherungsleuten. Stefan und Robert Leistner hatten diese undankbare Aufgabe übernommen. Durch das Doppelseil gab es wenigstens eine kleine Chance, beim einhängen nicht auf den Boden zu landen. Dazu wäre es nötig, das Robert während eines Sturzes kräftig das Seil einzieht. Zum Glück blieb mir dieses Szenario erspart. Ich gelangte ohne Sturz zum 3. Ring. Das schwerste und gefährlichste war jetzt hinter mir. Ich wollte jetzt unter keinen Umständen mehr fallen, wer weiß ob ich noch einmal bis hierher Durchsteigen kann. Dadurch wurde ich zittrig und zögerlich. Genau die falsche Einstellung, für die weiten Schnapper ohne Tritte. Es war mehr Krampf, als Kampf. Durch das Anfeuern des Bodenpersonals motiviert, gab ich noch mal alles und es glückte mir, endlich. Da sieht man, wie wichtig der Kopf und die richtigen Leute beim Klettern sind.

Nach dem Durchstieg war die Freude groß und wir saßen noch lange am Einstieg und diskutierten über die Schwierigkeitseinstufung für den Durchstieg. In der Umgebung hatte ich viele 11a's geklettert, die waren gefühlt alle leichter. In anderen Gebieten hatte ich sogar 2 Grade schwerer in deutlich kürzerer Zeit geklettert, aber das kann man mit Sachsen nicht vergleichen. Eigentlich wollte ich RP 11a geben, doch Robert überzeugte mich die Route mit RP 11b zu bewerten. So stufte Ich Herr der Ringe nach all den Besuchen am Frienstein mit RP 11b ein. Umgerechnet scheint das zwar lächerlich aber man sollte eben nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.
Robert Leistner probiert Herr der Ringe. Foto Helmut Schulze


Südlicher Gleitmannsturm, 
Wurmloch 10a RP 10b,  07.09.2002


Das die Sächsische Schweiz so weit im Ostern von Deutschland liegt, hat auch etwas Gutes. Dadurch wird das? die Frankenjura, als das größte Klettergebiet in Deutschland wahrgenommen und dort herrscht jedes Wochenende Jahrmarktstimmung. Leider werden dadurch bei uns viele Kletterwege über die Jahre immer schmutziger. Das mindert leider den Spaß und die Gesteinsqualität wird auch nicht besser. Das mit den sandigen Griffen kann jeder Wiederholer mit einer Zahnbürste beheben, aber dazu haben viele keine Lust. Es ist schon komisch die Mentalität im Osten, Mitbestimmen wollen alle, mitmachen aber nicht. Vielleicht ist dieses Verhalten so tief in den ehemaligen Einwohnern des Arbeiter- und Bauernstaates verwurzelt. Vielleicht ist es nur der aufgestaute Mitbestimmungsdrang von 40 Jahren DDR. Die folgende kleine Geschichte ist ein Versuch, diese Theorie zu untermauern.

Im August 2002 fuhr ich mit meiner Freundin an die Gleitmannstürme, um dort zu Klettern und zu Boofen. Die Rucksäcke waren fürs Wochenende schwer, aber nicht schwer genug. So war noch Platz für den Kronbohrer und 2 Ringe. Nicht zu vergessen das Blei, das zwar nicht viel Platz weg nimmt, dafür aber umso schwerer wiegt. Beim Klettern in der Südseite, fiel mir ein freies und sehr schweres Wandstück, rechts vom "Großen Wurm", auf. Damit waren die wichtigsten Kriterien für mich erfüllt. Sogleich ging ich ans Werk, um meinen Rucksack etwas zu erleichtern. Es ging an einem steilen Hang los, wo lediglich ein morscher Baum etwas moralischen Rückhalt gab. Ohne jegliche Zwischensicherung, ging es schon unangenehm weit hoch. An welcher Stelle der Ring stecken müsste war offensichtlich, denn die Wand war an dieser Stelle sehr glatt und es gab außer eine abschüssigen Eisenwarze keine Strukturen. Meine Hoffnung irgendeine Sicherung zu finden löste sich in Luft auf, denn die Bänder waren alle flach und rund. Auch nach längerem Suchen fand ich kein kleines Loch, was ich für den Skyhook verwenden konnte, um den Ring zu schlagen. Je dicker meine Arme wurden und je mehr ich schüttelte, umso unruhiger wurde meine Freundin am Einstieg. Irgendwann gab es nur noch eine Möglichkeit. Irgend eine fusselige Bandschlinge auf die Eisenwarze gelegt und vorsichtig daran gezogen. Das Gute an dieser Eisenwarze war, das man vor dem Abbrechen keine Angst haben musste, das schlechte allerdings war, das garantiert nichts aus Versehen daran hängen bleiben würde. So bedurfte es 3 Versuche, ehe die Schlinge liegen blieb und da die Wand überhing, musste man den Untergriff festhalten damit die Schlinge hielt. Ehe man an der Richtigen Stelle saß waren nicht nur meine Nerven, sondern auch meine Unterarme gespannt wie Stahlseile. Da ich eine Hand brauchte um mich festzuhalten, zog ich einarmig das Schlagzeug hoch. Um mit den Bohrer besser einarmig zurecht zu kommen, fing ich an mit der Spitze des Hammers ein kleines Loch zu schlagen. Noch während ich pickerte, vernahm ich von hinten eine Stimme. "Das ist verboten!" Ich war kurz irritiert, ehe ich fortfuhr, immerhin wollte ich mich schnellstmöglich am Kronenbohrer sichern. Da hörte ich erneut die Stimme: "Das ist verboten!". Langsam wurde es mir zu bunt. Ich konnte mich zwar nicht umdrehen, aber ich fragte was den verboten sei. Die Stimme antwortete ganz bestimmt. Es ist verboten einen Ring in die Wand zu schlagen, das dürfe man nur mit einer Ringschlaggenehmigung. Von so etwas habe ich zwar noch nie gehört, aber es ist ja bekanntlich so, das diejenigen die am wenigsten wissen, am meisten zu sagen haben. Ich Ignorierte die Kommentare und war froh, als irgendwann der Ring in der Wand steckte. Die Stelle ging an diesem Tag leider nicht zu Klettern und meine Freundin war nervlich so am Ende, das wir Feierabend machten. Wir versuchten, während der Flut, noch einmal mit dem Fahrrad zu den Gleitmannstürmen zu fahren, wurden aber vom BGS nicht ins Krisengebiet gelassen. 


Rechts hinter Chris-Jan geht später das Wurmloch lanng.

Erst als es im September kühler wurde, kam ich mit Chris-Jan zurück. Nach dem Einklettern ging es gleich zum Projekt. Der Ring war gut einzuhängen, aber es wurde sofort schwer. Nach einer Stunde bouldern, schaffte ich es in Schulterhöhe auf der besagten Eisenwarze aufzuhocken und war Stolz wie ein König. Endlich hatte ich den heiligen Gral gefunden. Seit Jahren schon suchte ich das Gegenstück zum Längenzug, quasi den "Kürzenzug". Was die Antimaterie in der Physik ist, ist der "Kürzenzug" beim Klettern. Er würde es schaffen das empfindliche Gleichgewicht zwischen den großen und den häufig zu kleinen Kletteren wieder herstellen. Jahrelang hatte ich nach diesem Zug gesucht und immer gab es eine leichtere Lösung für Große. Dieses mal würde sich die Waage in meine Richtung neigen und ich war interessiert darauf wie Chris-Jan diese Stelle lösen würde. Den Fuß so hoch zu setzen würde ihm bestimmt nicht leicht fallen.

Lange Rede ohne Sinn, was folgte war wie immer. Chris Jan blieb unten in den großen Tritten stehen und kam locker zum nächsten Griff. Für das gleiche Ergebnis musste ich mir einen Knoten in die Hüfte machen. Also leider wieder kein "Kürzenzug". Somit geht sie weiter meine Quest, nach dem ersten richtigen Riesentod.


Beim Bohren des 2.R am Wurmloch.


Schinderkopf, Mausefalle 9c RP 10a 23.8.2002


Wie schon bereits erwähnt, gab es 2002 nicht nur eine Tsunami von neuen schweren Wegen, sondern auch ein sehr schlimmes Hochwasser. Erst regnete es 2 Tage nonstop und viele kleine Flüsse traten über die Ufer und zerstörten sogar ganze Häuser. Als diese Flüsse wieder ihren Weg zurück in ihr Bett gefunden hatten, herrschte strahlender Sonnenschein. Nach der Hilfe bei Aufräumarbeiten, besonders beim abgesoffenen SBB, ging es zum Sandsackschleppen in der Dresdner Innenstadt. Nach zwei Tagen schmerzenden Rücken, war das Wetter immer noch schön und die Elbe stieg und stieg. Da wir in Dresden unser Pflichten erfüllt hatten, fuhren wir mit dem Fahrrad nach Waitzdorf, wo wir zu dieser Zeit noch unsere Bleibe fürs Wochenende hatten.  Von dort aus wollten wir ein Wochenende mal was anderes als Schlamm und Wasser sehen. Mit dem
Fahrrad sollte es ins Kirnitzschtal gehen, um das angefangene Projekt am Gleitmannsturm weiterzumachen. Leider Endete dieser Versuch am Bahnübergang Goßdorf/Kohlmühle. Dort hielt uns eine Straßensperre des BGS auf. Dort mussten wir erst mal erklären, was wir als Dresdner in der Sächsischen Schweiz wollten und unsere Rucksäcke auspacken. Es wurde damals also schon für Corona geübt und Plünderer kommen ja bekanntlich mit dem Fahrrad. Selbst die Erklärung, dass wir nicht vorhatten etwas wegzunehmen, sonder sogar Ringe in der Sächsischen Schweiz lassen wollten, half uns nicht und wir durften nicht ins Katastrophengebiet. Am Ende gingen wir notgedrungen in den Brand und die Ochel Klettern. Was zur Flut ging, funktionierte auch im  Frühjahr 2020 noch recht gut. Da es etwas dauerte, uns Projekte in der Gegend zu suchen, besserten wir unsere Kronenbohrer auf, die mittlerweile so abgenutzt waren, dass die Ringe zu straff im Fels saßen. Nichts leichter als das, sagten wir uns. Mit dem Gasbrenner wurde die Spitze des Bohrers  rotglühend gemacht und ein Ringende weitete die Zähne nach außen, abkühlen und fertig - das dachten wir zumindest. Mit dem neuen alten Werkzeug ging es zum Schinderkopf, wo ich noch eine Lücke im bestehenden Wegenetz gefunden hatte. Da der 1. Ring zwischen Eisenplatten steckte, war ich erst mal nicht verwundert, das es langsam voran ging. Was allerdings skurril war, war dass der Bohrer beim drehen extrem klemmte. Nach 2 Zentimetern gab ich auf und wirschte so lange herum, bis der Bohrer  endlich aus dem Loch kam. Ich staunte nicht schlecht, beim Blick auf die Spitze. Alle Zähne waren stumpf und komisch nach außen gebogen. Echt garstig solche Eisenplatten, dachte ich erst. Langsam dämmerte mir jedoch, das dies nicht die passende Wahrheit war. Könnte es vielleicht sein das wir etwas metallurgisch wichtiges vergessen hatten bei unseren aufdornen? Mit dem Fahrrad waren es keine 5 Minuten bis zu Feile Amboss und Gasbrenner. Dieses mal versuchten wir das Metall zu härten, indem wir die Rotglühende Spitze in kaltem Wasser abschreckten. Wenig später am Fels war der Beweis erbracht und wir waren wieder etwas schlauer. Obwohl wir dieses Mal die Bohrmaschine dabei hatten, bohrte ich den 3. Ring lieber mit der Hand. Es war ein anhaltender Krampf, mit abgeschnürten Beinschlaufen von den Trittschlingen. Jedenfalls wusste ich danach, dass der Bohrer nun gehärtet war. So wurde einmal mehr ein  Weg erstbegangen. Der Name war auch schnell gefunden, passend zum  Nachbarweg "Tom & Jerry" und unserer aktuellen Beschränkung auf Ochel & Brand.


Alles hat vor und Nachteile. Mit der Bohrmaschine sieht man nach dem Bohren wie nach einem Sandsturm aus und mit Handbetrieb dauert es ewig. Leider bohrt man gelegentlich trotz Bohrmaschine lieber mit dem Kronenbohrer.



Frienstein, Visionen von Gestern 10c, 2008


Am Anfang der Erstbegehungsgeschichten kam ja mal zur Sprache, dass manche der Wege die wir heute Klettern oder erschließen Visionen der Vergangenheit sind. So auch diese Wand, die um 1987 von Christian Günther unter dem Namen "The End" eingebohrt wurde. Der Name stand wahrscheinlich sinnbildlich für das obere Ende der Schwierigkeitsskala. Die Erstbegehung wurde damals nicht anerkannt, da es keinerlei Schlingen zum schlagen des 3.Ringes gab. Da vom entfernen der unteren Ringe oben noch immer ein Eisen im Fels steckte, war die Generation vor uns wahrscheinlich schon über diese Wand abgeseilt. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sobald ich mich nach dieser Wand erkundigte alle zu wissen schienen, dass der Ring in der Crux nicht von unten zu schlagen wäre. Angeblich läge dies daran, weil die Griffe zu flach dafür sind. Das waren ja schon mal gute Aussichten, aber man wächst ja mit den Herausforderungen. Eine Ungefähre Aufteilung der Ringe konnte man sich vorstellen, aber dafür musste der erst Ring sehr hoch stecken.

Irgendwann nach der Jahrtausendwende, schlug ich den 1. Ring und es war ein richtiger Akt. Scheinbar habe ich am Frienstein nicht so viel Glück mit dem Ringschlagen. In der überhängenden Rippe liegt eine bomben Schlinge, die beim Einhängen des Ringes  fast überstiegen ist. Durch den Überhang würde man beim Sturz in diese Schlinge extrem unangenehm in die liegende Wand am Einstieg einschlagen. Im Lochband wo der Ring geschlagen werden sollte, legte ich schräg nach links eine sehr schlechte Schlinge. Leider war diese zum Ringschlagen zu niedrig, aber das merkte ich erst als ich drin saß. Zum raus machen war ich aber zu faul und so hängte ich sie ins Seil ein, obwohl sie nie eine Sturz halten würde. Darüber war ein Schlitz der sich ganz leicht nach links verengt, in diesem legte ich nun die Schlinge zum Bohren des Loches. Damit die Schlinge hielt musste man sich nach links lehnen und für die richtige Höhe, ganz hoch an diese setzen. Kurz bevor ich die gewünschte Höhe erreicht hatte, kam die Schlinge mit einem "Plopp" aus dem Schlitz geflogen. Es ging mehr oder weniger unkontrolliert mit Schräglage gen Tale. Mein Sicherungsmann hatte es sich am Einstieg bequem hingesetzt und deswegen wurde der Sturz auch sehr weit. Als ich neben meinem Sicherungsmann hing, baumelte eine Schlinge im Seil. Ich war auch nicht in der Platte eingeschlagen, wie befürchtet. Was war also passiert? Die Schlinge aus der ich den Ring zuerst schlagen wollte, hat durch das festsitzen den Sturz gehalten. Die darunter liegende Ringwertige Schlinge hatte es durch den Überhang schräg nach oben aus den Riss gezogen. Das war einerseits erschreckend, aber bei dem vielen Schlappseil hätte ich sowieso unten gelegen. Gut das ich die Schlinge ins Seil eingehangen hatte, sonst wäre das sehr übel ausgegangen. Beim nächsten Versuch spatelte ich zwei Schlingen in den Schlitz, um ein Verrutschen zu vermeiden. Mit einigen Trittschlingen hatte ich die Höhe erreicht und es ging ans Ringschlagen. Leider war Handbetrieb angesagt und das war eine Qual. Es dauerte fast 2h ehe der Ring in dem sehr harten Gestein steckte. Zwischendurch gaben einige Freiberger Kletterer ihre Ratschläge dazu, das es mehr auf die Frequenz des Schlagens, als auf die Härte der Schläge ankommt. Naja, weglaufen konnte ich jedenfalls nicht und die Beine waren mir auch sehr bald eingeschlafen.

Das Projekt geriet in Vergessenheit und im März 2008 waren gute Bedingungen und die Fitness stimmte auch. Bei mir war Prüfungszeit und nach der Prüfung konnte ich rausfahren. Wir waren im 10 Uhr Zug verabredet aber ich kam erst 09:50 Uhr aus der Prüfung. Nun hatte ich 10 Minuten, um vom hinteren Teil des Campus bis zum Hauptbahnhof zu rennen. Auch wenn der Rucksack sehr schwer und voll mit Erstbegehungszeug war, rannte ich wie ein Wahnsinniger los. Ich erreichte gerade so den Zug und war fix und fertig. Zum Glück machte das Semesterticket wenigstens die Zugfahrt entspannt. Von Schmilka ging es über die Heilige Stiege zum Frienstein. Das mir beim Laufen die Füße schmerzten schob ich auf den Rucksack und ignorierte es. Am Fels hielten wir uns nicht lange auf und kletterten hoch und schlugen den 2. Ring. Eigentlich hätte Chris-Jan den unmöglichen 3. Ring machen sollen, denn er ist der Meister des Skyhooks. Leider kam er nicht in die Position aus der man den Cliff legen konnte. So musste ich gegen alle Planung selber ran. Beim reinsetzen in den Cliff schloss ich die Augen, denn er lag erbärmlich. Als er endlich in der flachen Mulde hielt, war ich froh, aber die Beine baumelten in der Luft. Der Cliff drehte sich mit mir hin und her und ich konnte nicht glauben das er wirklich hielt. Eigentlich hätte ich mich mit dem Spannriemen nach oben ziehen müssen, um den Ring entspannt zu bohren, aber das traute ich mich nicht. Zum Glück hatte Chris-Jan mittlerweile aufgerüstet. Die erste Bohrmaschine bei uns war ja die Hilti,über 5 kg Kampfgewicht brachte diese auf die Waage. Jetzt hatte Chris-Jan eine Hitachi und die war mit 3,6 kg einiges leichter. Das hört sich nicht gerade schwer an, aber die Maschine war in diesem Fall genau 3,6 kg zu schwer. Als ich das Materialseil einziehen wollte, hatte ich das Gefühl mein Sicherungsmann hätte sich persönlich ans Seil gehangen. Der Skyhook knirschte gefährlich und ich drehte mich langsam nach links und rechts. "Warum müssen meine Ringe immer so furchtbar unangenehm zu schlagen sein." Dachte ich. Es dauerte eine Ewigkeit ehe die Hitachi bei mir war. Es gibt eben Situationen da wünscht man sich noch eine zusätzliche Hand, damit das einarmige Ziehen und das Nachgreifen mit dem Seil im Mund wegfallen kann. Mit der Ankunft der Bohrmaschine war eigentlich noch nichts geschafft. Alleine das Ansetzen weit über dem Kopf war mehr als eine Zumutung und immer wieder das knirschen des Skyhook vor meinem Gesicht. Der erste Bohrversuch endete ganz schnell. Noch bevor ich den Bohrer ansetzen konnte sprang er auf der Wand hin und her und rutschte seitlich weg. Die Hitachi hatte einen Schlagwerk, das bei geringem Druck sofort loslegte und mich fast aus der Wand katapultiert hätte. In meiner ungünstigen Position konnte ich kaum drücken und so war der Akku leergelutscht, nachdem er gerade mal 2 Löcher gebohrt hatte. Normalerweise reicht so ein Akku für 4-6 Ringe je nach Gesteinshärte. Ich kam wieder mal auf nur 2 Löcher pro Akku. Irgendwann war es überstanden und verglichen mit dem Ringschlagen war das Klettern machbar. Noch bevor es dunkel wurde, saßen wir beide am Gipfel. Dazu muss gesagt werden, dass dies nur gelang, weil Chris-Jan den 5. Ring bohrte und es bei ihm schnell ging. Wir waren zufrieden und geschafft und ich vermerkte in meinem Fahrtenbuch, das dies wahrscheinlich die schönste Erstbegehung sein wird, die ich je machen werde, denn das Gestein ist einfach perfekt. Als es an den Nachhauseweg ging, schmerzten meine Füße so sehr, dass ich nicht mehr auftreten konnte. Erst jetzt dämmerte es mir, woher der Schmerz eigentlich kam. Als ich mit dem schweren Rucksack und ausgelatschten Schuhen zum Zug gerannt bin, habe ich mir die Bänder im Fußspann überlastet. Das Fußgewölbe war nun komplett plattgetreten und schmerzte höllisch, wenn ich nicht beim Laufen die Zehen in den Boden presste. Das ging nur ohne das Zusatzgewicht auf dem Rücken. Deshalb durfte Chris-Jan die Last 2er Rucksacke zum Zug zurück tragen. Sein einziger Trost war, das jetzt 4 Ringe und etwas Blei in der Wand steckten und das beide Akkus leer waren.



Am 1. Ring geht es schon richtig los. Einen Heelhock auf Handhöhe und das ganze durchlaufen bis der Startgriff an der Hüfte ist. Fotograf Helmut Schulze
Der 3.Ring war nicht nur schwer zu schlagen, sondern die Crux ist das saubere Vorbeiklettern mit ganz kleinen Leisten und Seitgriffen. Fotograf Helmut Schulze
Visionen von Gestern im Abflug über dem 2. Ring. Fotograf Helmut Schulze

 Viele Jahre wurde uns diese Erstbegehung nicht anerkannt und später erfuhren wir auch warum. T.W. & F.H. hatten einen Antrag gestellt, diese Wand und den betreffenden 3. Ring mit Schwebesicherung schlagen zu dürfen. Das ich mein Projekt zusammen mit Chris-Jan vor ihnen noch beendet hatte, passte ihnen scheinbar nicht. So haben wir leider den größten sächsischen Erstbegehern der Neuzeit, diese Wand abgeluxt. Wenigsten müssen so die Ringe nicht im Jahr der Erstbegehung saniert werden. Wie man in dieser Wand eine Schwebesicherung aufbaut die nicht vom Gipfel kommt und wäre allerdings schon mal interessant.





Am Ende des wahnsinnigen Jahres 2002 standen über 60 geschlagenen Ringe und 25 Erstbegehungen im 10. und 11. Grad. Davon 5 zusammen mit Chris-Jan. Da dies auf Dauer auch teuer ist, und alleine auch nicht so viel Spaß macht, konzentrierte ich mich eher auf anderes Sachen.

Es gibt noch Fotos und Geschichten für einen 3. und 4. Teil geben aber im Sommer komme ich nicht zum Schreiben.


Das volle Besteck am Einstieg ausgebreitet.
Einfach nur schön.

Mittwoch, 3. Juni 2020

Urlaub zu Hause

Lock mit Rapsfeld

Irgendwie lief diesen Frühling alles anders als gedacht. Die Alpen waren in unerreichbare Ferne gerückt und selbst Fontainebleau musste gestrichen werden. Doch das Wetter in Sachsen bescherrte uns einene trockener und kühler Frühling. So konnte ich viel mehr in Sachsen Klettern als die letzten beiden Jahre und hatte viel Spaß mit Freunden am Fels. Durch das gute Felsgefühl und konnte ich sogar lange aufgegebenen Routen klettern die ich wegen fehlender Größe vor fast 20 Jahre ad acta gelegt hatte. Das lag nicht etwa daran, dass ich größer geworden bin sondern das ich mit mehr Erfahrung einfach bessere Varianten ausgebouldert habe. So hat das Alter doch noch seine gute Seite und das Elbi zeigte sich dieses Frühjahr von seiner schönsten und liebenswerten Seite
Was für eine Fernsicht vom Gohrisch. Foto Michael Meyer.


Auf dem Spitzen Turm beim Familienklettern. Foto K.Wolf
Im Anschuss gab es statt Abseilen eine Seilbahn zwischen Unbenannter Spitze und Max und Moritz.

Entgegen der Vermutung kippte der Bierdeckel nicht um auch wenn wir an der überhängenden Seite abseilten.


Julian kletterte endlich Headshot RP 10c am Conradturm

Thomas zeigt uns wie das Waschbrett 9c am Hohen Torstein geht.

Micha Meyer im Traumtänzer an der Lok

Micha, Leopold und Micha nach erfolgreicher Besteigung der Esse an der Lok. Da für kleine der Überfall garstig Leopold die Südkante.

Der Drachenrücken 9a am Falkenstein ist Genuss pur. Foto Michel Meyer.

Etwas Mut braucht man schon wenn man beim Supertramp 9c an der Sammlerwand zum 2.Ring klettern will. Foto Michael Meyer
Wo ist den hier der Türsteher 10a das kann bei dem Nebelturm keiner sagen. Foto Thomas Hering

Fingerlöcher sind nichts für Kinder aber im Jugendclub 10b am Hohen Torstein gibt es einige davon. Foto Michael Meyer.


Immer wieder toll der Heringstein mit seinem Metalmania 9c. Foto Frank Richter
Dann wollen wir mal auf einen kühlen Sommer hoffen. Sonst schwimmen die Fingerspitzen auf den kleinen Griffe davon und man hat weniger Freude am Klettern.

Noch ein Anliegen am Schluss:
Wie man an den langen Wochenenden sehen konnte ist das Elbsandstein als Urlaubsziel wieder interessant geworden und das ist auch gut so. Leider sind die Parkplätze sehr beschränkt und die Autos bzw. Wohnmobile werden immer größer und nehmen dadurch mehr Platz weg.
Deswegen möchte ich an alle Autofahrer appellieren möglichst platzsparend zu parken oder sich außerhalb des Kirnitzschtal zu treffen und das letzte Stück gemeinsam in einem Auto zu fahren.
Euch allen weiterhin viel Freude am heimischen Sandstein.

Mittwoch, 8. April 2020

Erstbegehungsgeschichten Teil 1



Da auch der Osterhase sich an den 15 km-Radius halten muss hier etwas Unterhaltung für alle die daheim sitzen müssen. Das trainiert die Nerven und schont die Kletterschuhe.

Nur ein paar meiner Kletterschuhe die ihre Mikropartikel im Sandstein hinterlassen haben.


Der Erste sein
Oft wird das Erstbegehen, also das erstmalige Klettern einer neuen Route, als die Königsdisziplin des Kletterns gehandelt.  Ist dies so oder ist es vielmehr nur eine der vielen Spielarten des Kletterns?  Dieser Frage wollte ich etwas nachgehen.  Die hier dargestellten Betrachtungen sind von jemanden niedergeschrieben, der sich  zumindest zeitweise als  "Unbefangener", also als neutraler  Beobachter bezeichnet.  Naja, zumindest wenn es möglich ist,  jemand der unter  Felsleidenschaft leidet,  als neutralen Beobachter zu bezeichnen.  Zurück zur Gretchenfrage:
Was ist eigentlich der Grund warum sich einer mehr auf Neuland und andere eher aufs Wiederholen spezialisiert haben?
Sicherlich ist der Reiz des unbekannten ein Grund.  Dem gegenüber steht die Angst zu scheitern.
Wenn man allerdings derjenige ist, der etwas zum ersten mal probiert, kann dann eigentlich vom Scheitern die Rede sein?
Ich würde sagen nein, denn bei einer ungekletterten Wand  scheitern, ist wie in der Grundlagenforschung:  Mann weiß nie zu was dieser kleine Fortschritt gut ist und vieleicht heißt es später einmal: "Vor vielen Jahrzenten hatte  Erstbegeher XY  bereits die Vision diese Wand anzufangen.  Damals war die Zeit einfach noch nicht reif dafür, aber durch die Einführung von besserem Material konnte diese Idee nun verwirklicht werden."

So oder ähnlich habe ich es schon oft gehört.  Auch hat jede Generation von Erstbegehern die vermeintlich letzten großen Problem ihrer Zeit gelöst und es gab trotzdem noch etwas zu erobern.
Ob es nur die Eroberung des Nutzlosen ist, soll hier nicht geklärt werden. Schließlich hat jede Sache nur den Sinn, den wir ihr geben.

Neuland muss aber nicht immer sein, dass der Kletterer als erstes diese Wand durchsteigt. Es gibt in der Sächsischen Schweiz eine Tradition, die das Sammeln von Jahresersten betrifft.
Dadurch erscheint einem das Bestehende immer wieder neu und spannend. Egal ob bereits Tausende Kletterer auf diesem Gipfel standen pünktlich am 31.12 um Mitternacht wird die Uhr zurück auf Null gestellt und es geht wieder von vorne los. Der eine oder andere hat schon am Einstig geschlafen oder ist noch mit Stirnlampe mitten in der Nacht losgezogen. Wieder andere graben sich  bewaffnet mit Besen und Nordwandausrüstung  durch tiefen Schnee bis zum Gipfelbuch vor nur um , im neuen Jahr, Erster zu sein. Andere Nationen sind da noch extremer. In Italien oder in der USA wird nicht nur der Erstbegeher in den Kletterführern aufgeführt,  man zählt auch die erste Freie Begehung also die erste Rotpunktbegehung, die erste Eintages-Begehung, die erste On-Sight-Begehung, die erste Frauen-Begehung oder auch alles zusammen. Die erste reine Frauenseilschaft die eine Route an einem Tag On-Sight  geklettert hat. Der derzeitige Gender Trend lässt da noch viel neues Potential am Horizont erahnen. Bald kann man sich die erste Freie Eintages-Begehung einer "Diversen" Seilschaft sichern. Das ist dann mal etwas Neues was es so noch nie gab. Allerdings zählt das auch nur wenn alle Mitglieder der Seilschaft bei der Begehung tatsächlich davon überzeugt sind, weder männlich noch weiblich zu sein. Diese gehören dann dem Geschlecht Divers an.

Auf den folgenden Seiten wird mehr oder weniger chronologisch aufgeführt, wie ich zum Erstbegehen kam beziehungsweise wie ich dort hineingefallen bin.  Mehr als einmal kam es dabei zu Situationen mit denen ich nicht gerechnet hatte und die ich erst recht nicht wollte. Für außenstehende sind dies zum Teil witzige Begebenheiten. Für den der sie erlebt hat, sind sie nur deswegen unterhaltsam, weil nichts ernsthafteres dabei passiert ist und weil es den Zuhörern ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubert.

Berghallali, jetzt sind die Berge unbezwingbar.


Winterbesteigung der Großen Hundskirche
Als wir am 6. Januar 1997 nach dem Jahreswechsel aus dem Allgäu kamen, war das Elbsandsteingebirge tief verschneit.  Im winterlichen Allgäu hatten wir einige Berge bestiegen. Deshalb wollten wir  zu Hause nicht darauf verzichten, einige Jahreserste zu hohlen. Mit dem Zug ging es nach Königstein und von dort in einer tollen Winterwanderung zum Fuß des Papsteines. Das Wetter war ein Wintertraum. Es herrschten -10°C und es schien die Sonne.  Aus vereinzelten Wolken schwebten einzelnen Schneeflocken hernieder, im Versuch die 20 cm Schneehöhe noch zu überbieten. Das waren Bedingungen für eine echte Winterbegehung. Wir freuten uns beim Zustieg, zur großen Hundskirche, keine Spuren im Schnee zu finden. Der Alte Weg sah dementsprechend aus:  "Da war sicher noch keiner hochgeklettert dieses Jahr". Wir wühlten uns mit Hand- und Bergschuhen nach oben und die Kälte biss in unsere Finger. Zum Absichern fanden wir nicht viel und gerade die letzte Stufe auf den Gipfelkopf war fürchterlich ausgesetzt. Ob wir vor Kälte oder vor Angst zitterten weiß ich nicht mehr genau.  Aber was ist eine Winterbegehung ohne Angst und die Gefahr einer Erfrierung.  Als wir nach 1h Plackerei am Gipfel ankamen, mussten wir erst mal umgraben, um das Gipfelbuch zu finden.  Beim Blick ins Buch fror uns endgültig das Gesicht ein. Am 3. Januar waren bereits 3 Seilschaften vor uns auf dem Gipfel  gewesen. Wie war das möglich, wir hatten doch keinerlei  Spuren im Schnee gesehen.?
Geschlagen traten wir den Rückzug an. Da es auf dem Gipfelkopf damals keine Abseilöse gab oder wir sie wegen dem Schnee nur nicht gefunden hatten, war das Abklettern sehr heikel.  Zurück  in Dresden, hörten wir vom sonnigen und trocken Wetter zum Jahreswechsel. Der Wintereinbruch erfolgte erst nach der Besteigung der Jahresersten.  Noch eine Woche später hatte Mike mit dem diese Besteigung stattfand ein leichtes Kribbeln in den Fingern, weil er sich bei unserer Aktion leichte Erfrierungen zugezogen hatte.

Das Jahr 1997 wurde für mich zum Jahr des großen Umschwungs. Die wenigen die in meiner Klettergemeinschaft die Wege nachsteigen konnten, stiegen lieber selber vor. Nur einer war so ehrlich zu sagen: "Du musst  dir andere Kletterpartner suchen, wenn du  weiterkommen willst."  Das klingt zwar leicht, ist es aber überhaupt nicht. Noch schwerer ist es das zu akzeptiere, besonders  wenn man gerne mit gewissen Leuten Klettern geht. Erst viele Jahre später erfuhr ich das solche Gefüge wie Vorstie/Nachstig nicht zwingend nötig ist um zusammen am Fels eine schöne Zeit zu haben. Aber auch das brauchte lange ehe man so etwas grundlegendes ablegen kann.  Zu meinem Glück eröffnete in Dresden gerade eine Kletterhalle. Mit Gleichgesinnten, die so schwer wie es irgendwie geht klettern wollten, ging es  Ostern '97 nach Südfrankreich fuhren.  Ich sah dort mit "Ceüse" und  "Buoux" die Mekkas des Sportklettern. Erstmalig durfte ich erleben, was alles beim Klettern möglich ist. Das Erlebte übertraf meinen bisherigen Horizont um Lichtjahre.

Bildunterschrift hinzufügen


Heringstein, Schwerelos 9b

Es war im Juli 1997. Ich hatte Anschluss bei m KV Schwerelos gefunden . Eine Gruppe  motivierte r junger Kletterer die jedes Wochenende am Fels verbrachten. Dort konnte man sich auch mal Tipps von den Anderen hohlen. Wenige Wochen zuvor  Kletterten wir zur Sonnenwende  im "Kleinen Zschand" am "Heringstein". Beim Klettern der "Schwebfliege" fiel mir oberhalb eine freie Wand  auf. Vielleicht könnte diese als Ausstiegsvariante taugen? Von der offene Stimmung inspirierte fragte ich Seppo (Stephan Gerber) abends  am Lagerfeuer wie den so eine Ring in die Wand kommt. Die Beschreibung klang anstrengend und kompliziert. Martin Pötschke meinte jedoch, dass ist nicht  kompliziert und er besitzt alles was man dafür benötigte.
Wenn früher einer der Schwerelosen den Zug verpasst hatte warteten wir an der Fähre auf den Nachzügler.


Die Idee dieser neuen Linie hatte also Gestalt angenommen und spukte mir jene Tag im Kopf herum. Deshalb wollte ich so schnell wie möglich wieder zurück zum "Heringstein". Wie jeder Erstbegeher der für seine Idee brennt hatte ich auf einmal Angst, dass jemand anderes diese Linie vor mir Klettern würde. Das ist sehr irrational, denn was sind schon ein paar Wochen im Vergleich zu Millionen von Jahren die diese Wand lediglich von der Erosion beachtet wurde. Zum Glück wurde ich bald erlöst und fand zusammen mit Martin einen freien Tag. Wir fuhren mit Martins Trabi durchs Kirnitzschtal und liefen zum Heringstein. Da es extrem heiß in der Südseite war,  bereitete mir der Einstig der Schwebfliege arge Probleme. Vor Aufregung ließ ich das Materialseil  am Einstieg liegen.  Das Fehlen merkte ich jedoch erst als ich 15m überm letzten Ring der "Schwebfliege" an zwei dünnen Felszacken hing. Was also jetzt machen? In meinem jugendlichen Leichtsinn  hatte ich keinerlei Schlinge gelegt und auch die große Sanduhr links der Kletterlinie vollkommen übersehen. Da meine letzte Sicherung überstiegen war hätte ich das Sicherungsseil nehmen können um mir den Hammer und den Kronenbohrer  hochzuziehen aber ich kletterte wieder zurück zum Ring und zog mir das Materialseil hoch. Als ich erneut da oben hing fühlte ich mich der Sicherung entsprechend. Die Felszacken hielten zwar  erst mal aber davon ist noch kein Ring in die Wand gekommen. Zum ersten Mal stellte ich das Material zum schlagen des Ringes in Frage. Der 2 KG Fäustel schien mir klobig und ungeeignet. Ich wünschte mir einen kleineren Hammer mit welchen man etwas gefühlvoller pickern kann ohne gleich mit 2 Felszacken aus der Wand zu fliegen. Ich wollte ja auch nicht den Vorgipfel einreißen. Was folgte war sehr ungewohnt und eine echte Quälerei.  Das jemand so etwas freiwillig oder aus Spaß macht war mir ein echtes Rätzel. Nach 1h hatte ich den Ring drinnen. Zum Glück erklärte mir Martin die ganze Zeit was ich machen musste. Am Ende hatte ich große Bedenken, ob der Ring fest genug  sitzt. Es war wie ein echter Paradigmenwechsel für mich . Weg vom Urvertrauen in bestehende Sicherungsringen geschlagen-von-erfahrener-Erstbegehern  hin zu das-darf-jeder . Eine Alternative hatte ich jetzt nicht mehr also setzte ich mich vorsichtig in den Ring. "Puh der Ring hält, aber reinstürzen will ich da nicht".  Als ich die Schlinge von den Zacken nahm brach eine komplett  ab und von der zweiten blieb nur  die untere Hälfte übrig. Ich fühlte mich scheußlich  kniff die Pobacken zusammen und kletterte die 8 Meter bis zum Vorgipfel.  "Juhu überlebt!" Die Ironie der Situation ist unglaublich und so falsch. Beim ersten hängen an den Felszacken hing fühlte ich mich trotz großer Gefahr nicht ok , beim Klettern zum Vorgipfel trotz ausreichender Sicherung fürchterlich. Heute kann ich die Strategie einiger Erstbegeher gut verstehen. Nach dem Ringschlagen wird erst einmal ein paar Jahre gewartet bis der Ring etwas festgerostet ist. Dank des viel größeren Volumens von Rost ist so ein Ring ein chemischer Expansionsdübel.  Also entweder hat man als Erstbegeher etwas Geduld, oder Vertrauen in seine eigenen Fertigkeiten. Wenig später überzeugte mich Uwe Richter noch einen 2. Ring am Ausstieg zu schlagen, damit es ein lohnender Weg wird und nicht etwa eine Mahnmal meines eigenen Leichtsinns.  Als ich nach über  25 Jahren den Weg noch einmal kletterte waren die Ringe noch immer in der Wand. Also hatte ich doch kein so schlechtes Händchen fürs Ringe schlagen. Oder hat der Rost die Arbeit für mich erledigt? Naja bereits in der Ausbildung lernte ich: "Was des Künstlers Hand nicht ziert, wird mit Farbe überschmiert". In diesem Fall ebbend Rostbraun.
Mit so einem Hammer ist das Ringschlagen angenehmer.


Abgetrennte Wand, Baumkrone RP 10a
Am 25. März 1998 hatte ich mal wieder unverhofft unter der Woche frei bekommen. Dazu kam, das Wetter war kühl und trocken also perfekt zum Klettern. Ich fuhr mit Uwe Richter zum Gohrisch um dort an der Narrenkappe und der Abgetrennten Wand zu klettern.

Im Jahr zuvor hatte ich meine ersten sächsischen 10er geklettert. Obwohl die Entwicklung  meiner Schwierigkeitsgrade durch das Hallentraining  recht flott  ging,  habe ich mir ab 9a alle Grade selber im Vorstieg erkämpft.  Ein Vorteil und zugleich auch Nachteil ist, das man zu großes  Vertrauen  in seine eigenen Fähigkeiten entwickelt. Das gibt einem Sicherheit in Situationen die eigentlich richtig gefährlich sind. Heute kann ich sagen,  Ich hatte einfach extrem viel Glück alles ohne größere Unfälle überstanden zu  habe. Wichtig für junge Kletterer sind in dieser "wilden Zeit" die richtigen Vorbilder. Nur dann werden aus den jungen Wilden auch irgendwann alte Kletterer. In meinen Anfangszeiten war ich auch mit Vertretern der "Alten Schule" klettern. Mit dem Wissen von heute kann ich sagen, dass die meisten Empfehlungen gefährlich waren. Damit will und wollte man andere "verheizten". Quasi Lernen durch Schmerzen und Angst.  So etwas sieht ungefähr so aus: "Der Weg ist gut gesichert, den kannst du versuchen." Wenn die letzte Sicherung überstiegen ist und der Weg zurück unmöglich schien, rettete man sich gerade so mit einem verzweifelnde Schnapper zum Ring. Danach grinste der Empfehlende schelmisch und sprach:  "Ich wollte  nur mal sehen, wie du das machst."  Im Fall des Rückzuges und Scheiterns wurde aus dem Grinsen sogar echte Schadenfreude. Verantwortungsgefühl  ist wahrscheinlich relativ und jeder versteht wohl  etwas anderes darunter. Eine Vorbildwirkung ist dies jedenfalls nicht. Die Frage nach dem Warum mancher so etwas macht, ist bestürzend einfach: "Es wurde früher  halt so gemacht."
 Ein besseres Beispiel ist da Uwe Richter.  Er hat es nicht nötig andere zu verheizten. Mit über 80 Erstbegehungen im Sächsischen Sandstein und mehr als 40 davon im 10. und 11. Schwierigkeitsgrad war und ist er das Maß der Dinge was Moderne Erstbegehungen angeht. Dazu ist er ein angenehmer Zeitgenosse mit einem Schelm im Nacken. Er lacht lieber mit Anderen als über sie.
Wir wärmten uns ausgiebig an leichteren Wegen auf, bevor wir zur "Wand der toten Bäume" an der Abgetrennten Wand gingen. Ihm als erfahrener Kletterer gebührte natürlich der Vortritt und die Wand sah wirklich abstoßend glatt aus. Als ich dann an die Reihe kam ging es besser als gedacht und ich freute mich die schwere Stelle sofort mit Uwes Variante klettern zu können. Am 2. Ring angekommen meine Uwe: "Probiere doch mal, ob du gerade hoch klettern kannst".  Also kletterte ich gerade hoch. Es war etwas unangenehm an abschüssig  Griffen und der letzte Zug war der schwerste. Als ich auf dem Gipfel stand hieß es von unten: "Schreibe mal deine Erstbegehung ins Gipfelbuch ein!" Etwas irritiert war ich schon, weil ich habe ja nichts gemacht hatte außer hoch zu klettern. Uwe erklärte mir später das Bernd Arnold an dieser Stelle weit nach links querte. Angeblich sollte Wolfgang Güllich erfolglos versucht haben vom 2. Ring gerade hoch zu Klettern aber das bezweifelte ich. So kam ich ungewollte zu meiner 2. Erstbegehung.
Danach blieb es bei mir einige Zeit ruhig mit Erstbegehungen. Das hatte auch seine Gründe. In eine Schlinge zu stürzen ist das ein, aber sich in eine Schlinge zu setzen die keine Sturz hält nur um den Ring zu schlagen ist was ganz anderes. Da verlasse ich mich doch lieber auf meine Fähigkeiten und halte mich selber fest. Leider konnte wir damals mit einer Hand noch keinen Ring schlagen.


Uwe sitzt manchmal der Schalk im Nacken...
...wenn es ernst wird kann man sich auf ihn verlassen.



Erhöhter Kontakt mit infizierten des  Erstbegehungsvirus
Es ist ja allgemein bekannt, dass ein Laster leichter zu ertragen ist wenn man es mit Gleichgesinnten teilen kann.  Als ich mit Chris-Jan Stiller im Bielatal unterwegs war begegneten wir erstmals Thomas Küntscher aka Kuno. Unsere Gesprächsthemen waren natürlich von der Vertikalen bestimmt. Schnell merkte ich, dass Kuno trotz der  vielen Jahre die er schon am Fels unterwegs war für das Klettern im Sandstein brannte. Doch Kuno und indirekt seine Umgebung litt nicht nur unter dem Sandsteinvirus sondern auch unter dem Erstbegehungsvirus. Irgendwann ging man halt zusammen Klettern und so war das Thema Erstbegehen viel präsenter als zuvor. Es gab auch viel von Kuno zu lernen. Unter anderem, das ein Kletterseil zwei Enden hat. Das war eigentlich nichts Neues, aber das man sich zum vermeiden von Seilzug in beide Enden einbindet schon. Besonders bei Quergängen am Einstig  ist das sehr praktisch und weiter oben kann man ein Seilende Abwerfen um wieder alle Vorteile des Einfachseils zu nutzen.   
Wann genau  es war weiß ich nicht mehr, aber es war ein schöner sonniger Wintertag.
Es lagen 10-20 cm Schnee und wir fuhren in den Dom zur Rohnspitze & Domwächter. Obwohl es frostig war, konnte man in der prallen Sonne gut Klettern.  Naja Zumindest solange die Wand steil genug war. Während Kuno mit mir das Klettern in der Sonne genoss, war Chris-Jan damit beschäftigt im Halbschatten einen  Absatz dem Winter abzuringen. Links vom "Kreuzweg"  legte er eine unvorstellbare Hartnäckigkeit an den Tag, den Absatz von Schnee und Eis zu befreien. Wieso genau er das machte konnte ich nicht verstehen. Wenig später schlug er einen Ring und war zufrieden für den Tag. Die Wand darüber war fast ohne Strukturen. Wie er da weiterkommen will und was ihn dabei Antrieb war mir ein Rätzel. Aber es heißt ja nicht umsonst jedem Tierchen sein Pläsierchen.
Die Ironie will es so, dass in einigen Jahren  Chris-Jan zusammen mit mir diese Wand beenden wird.
Unser Basecamp nach dem Festtreten des Schnees.

Kuno

Chris-Jan macht den Winterdienst.




Zyklopenmauer,  Supergirls don't lie 8c
In der Zeit um die Jahrtausendwende war es für uns Brauch, dass wir Freitags nachmittags ins Elbi fuhren und das ganze Wochenende dort verbrachten. Deshalb waren bei mir spätestens  Samstag Nachmittag die Fingerspitzen blutig. Ich konnte zwar mit Tape auf den Fingerspitzen noch den ganzen Sonntag klettern aber ein bisschen unangenehm war das schon. Das böse Erwachen kam meistens Montagmorgen auf Arbeit. Die Fingerkuppen waren so durchgeklettert, dass ich nicht einmal eine  weiche  Toastbrotscheibe schmerzfrei berühren konnte. Dadurch war das Löten auf Arbeit  eine echte Tortur. Der glatten Draht, den man mit den Fingern andrückt  muss, erwärmt sich  bei dem Prozess stark. Mit etwas Hornhaut ist dies überhaupt kein Problem. Ohne Hornhaut  jedoch durchfährt einem der Schmerz wie ein Nagelschussgerät das dummerweise durch den Finger genagelt hat.

Am Sa. den 6. Mai 2000 waren ich mit Freunden an der Zyklopenmauer und Umgebung Klettern. Wir hatten in der Boofe an der Glocke geschlafen und Nachmittags kletterten wir in der Nordseite der Zyklopenmauer. Irgendwann kam Chris-Jan zu mir mit der Bitte sich sein Projekt rechts vom "Nordriss" anzuschauen. Er war bereits bis auf die Höhe geklettert wo der 2.Ring hin sollte konnte diesen aber nicht schlagen. Ich war zwar nicht heiß auf Erstbegehen aber wenn ich ihm damit Helfen kann, schaue ich es mir mal an. Die Schwierigkeit war am 1. Ring. Dort wo der 2.Ring geschlagen werden sollte war man bei einem Sturzes wieder am Einstig. Wie Chris Jan zuvor  hing ich an der Kante und konnte mich nicht festmachen um den Ring zu schlagen. Halb so wild, dachte ich mir und stieg einfach weiter. Dadurch konnte ich immerhin vermeiden, mich an irgendetwas komisches dranzuhängen. Meinen Fingern vertraue ich was das betrifft mehr.  So ging es weiter die Kante hoch und ich war schon lange ausgesichert als es nicht mehr weiter ging. Mist, jetzt musste ich mich doch an irgend etwas dranhängen um den Ring zu schlagen.  Ich weiß nicht mehr, mit was ich beim Weiterklettern gerechnet hatte weiter oben vorzufinden. Im Tierreich gibt es ja in vielen Situationen die Starre als Schutzreflex so auch bei mir. Nach sehr langen Stehen und schauen an der besagten Stelle war noch immer kein Ring in der Wand. Irgend etwas musste ich aber machen. Ich probierte viele Schlingen aber darin war ich noch nie besonders gut. Da Schlingenlegen den Kletterfluss hemmt hatte ich bisher mehr Schlingen ausgelassen als gelegt. Nach langem Probieren lag eine schlechte Schlinge quer in einem Band. Mit nur einer Hand zog ich den Kronenbohrer am Materialseil hoch. Immerhin hatte ich dieses mal eines mitgenommen. Jetzt kam der Zeitpunkt den ich beim Erstbegehen hasse. Man muss mit beiden Händen loslassen um den Ring zu schlagen. Wie habe ich mir in dem Moment ein Bolzenschußgerät gewünscht wie es im Film "Cliffhanger" verwendet wurde.  Irgendwie krampfte ich mich so schräg an die Kante, dass mein ganzes Körpergewicht die Schlinge seitlich belastet. Das reichte um kurz loszulassen und einige Schläge mit dem Hammer zu führen. Danach hieß es festhalte, etwas entspannen und das Ganze von vorne.  Um es etwas  abzukürzen, es war wieder mal eine Qual. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich gerade mal 5 cm geschafft und es fehlten noch über  15 cm bis zur Erlösung.  Umso erfreuter war ich, als Chris-Jan sagte: Das reicht schon. Lege einfach eine Schlinge um den Bohrer ich lasse dich daran ab."  Ich zweifelte zwar, dass dies eine gute Idee ist aber er wird schon wissen was er tut. Ich war jedenfalls froh nicht weiter so verkrampft an der Kante hängen zu müssen bis das Loch mit 22 cm tief genug für den Ring ist.  Zum Ablassen blieb der Kronenbohrer an Ort und Stelle aber als Chris-Jan oben ankam, neigte sich der Bohrer bereits gefährlich nach unten. Da er so scharf aufs Ringschlagen war, schlug er auch noch den 2. Ring nachträglich. Dadurch wurde die Route für Wiederholer ungefährlich.  Als ich am nächsten Morgen aufwachte fühlte ich mich wie überfahren. Der  Muskelkater war  allgegenwärtig. Egal wie ich mich bewegte alles tat weh. Das kommt bestimmt vom Ring schlagen. An jenem Sonntag habe ich nicht mehr viel geklettert und nach diesem Wochenende waren die Finger am Sonntag auch nicht blutig. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang zum Erstbegehen? Diese Erkenntnis benötigte jedoch noch etwas Zeit bevor sie sich bei mir festigte.

An den Wochenenden war wir eine bunt gemischte Gruppe. 


Blaskenturm, Dunkelhut 10b
Es ist ja bekannt das wir in einer Gesellschaft der Arbeitsteilung leben. Jeder macht das was er am besten kann. Ähnlich ist es auch beim Klettern. Die meisten suchen sich Wege die am besten zum eigenen Stil passen.  Bei neuen Routen habe ich dagegen eine andere Theorie entwickelt: Die Wand ist es ,die sich ihren Bezwinger aussucht nicht anders herum. Anders könnte man auch nicht erklären warum bei Wegen von Person A die Schwierigkeit immer zwischen den Ringen liegt, bei Person B stecken die Ringe trotz optimaler Aufteilung immer zu hoch und bei Person C sind die Griffe immer so weit auseinander, das kleine Menschen keine Chance haben die Züge zu Klettern.
Da haben wir auch die Erklärung warum Chis-Jan und ich den Weg am Blaskenturm zusammen machen mussten. Den 2.Ring zu schlagen wäre mir schier unmöglich gewesen. Der  Dynamo zum 2.Ring geht in ein Zweifingerloch an dem man ganz schön dranhängt. Wie immer beim zweiten Sicherungspunkt ist der Boden näher als man es sich wünscht. Zum Festmachen gibt es nur das Loch wo die Finger schon drinstecken.  Das  ist ein echter Zaubertrick den jeder mal versuchen sollte. Irgendwann nach vielen Stürzen gelang es Chris-Jan den Skyhook dort hineinzulegen wo gerade eben noch die Finger waren. Die Kunst ist dabei , alles so schnell umzusetzen, dass die Gravitation nichts davon mitbekommt. Chris-Jan hatte sein Meisterstück damit vollbracht. Was in den  nächsten Jahren bei der Arbeit mit dem Skyhook noch folgt, ist fast schon der Beweis dafür, dass er die Gravitation bestochen haben muss gelegentlich mal wegzuschauen. Er hatte ja bereits gut vorgelegt und ich tat mich schwer mit meinem Teil. Die Wand wurde noch viel Steiler als bisher  und man kam mit dem Zweifingerloch in eine seichte Verschneidung. Dort presste und stützte ich fast 2h lang bis ich eine Lösung fand und das runde Band darüber in den Händen hielt. Ob ich die Züge noch einmal hinbekommen würde war fraglich und wie ich den nächsten Ring schlagen soll auch. Die Zeit lief mir davon und ich entschied  mich in das Band hineinzulegen. Also Füße hoch und seitlich in das Band gewälzt. Am Einstieg wurde laut gelacht und ich fand es anfangs auch witzig. Immerhin konnte ich so etwas ausruhen. Das Problem kam einigen Minuten später. Als ich versuchte wieder aus dem Band heraus in die Kletterstellung zu kommen wusste ich nicht wie ich das anstellen sollte. Unter mir hing die Wand über und ich fand die Tritte nicht mehr. Der Überhang über mir war sogar noch größer. Zum ersten Mal konnte ich verstehen warum früher Ringe auf Bändern statt darüber geschlagen wurden. Es ist einfach bequemer . Der nächste Ring sollte jedoch über das Band. Irgendwann glückte das Manöver aber es war ein gewaltiges hin und her. Aus einer sicheren und bequemen Position quasi blind herauszuklettern ist doch nicht mein Ding.  Im nachhinein betrachtet wäre das Weiterklettern um einiges leichter gewesen als sich ins Band zu Legen. Wir stuften die Route 10a RP 10b ein als Wochen später der Durchstieg gelang. Wiederholer jedoch meinten es wäre mindestens 10b RP 10c, darüber lässt sich ja bekanntlich Streiten.


Bei der Erstbegehung vom Dunkelhut am Blaskenturm.


Skyhook
Was dann folgte war die Sturm- und Drangzeit meiner Erstbegeherjahre. Es ging nicht darum was geklettert wurde sondern die Statistik war interessant. Das heißt ein Wochenende ohne geschlagene Ringe war ein schlechtes Wochenende. So zogen wir selbst im Winter bei Minusgraden, Sturm und Schnee ins Gebirge um zumindestens die Wände auf mögliche Linien abzusuchen. Immer hatten wir mindestens ein oder zwei Ringe im Gepäck die wir nicht wieder mit nach Hause tragen wollten. Ja das war eine wilde Zeit. Der Skyhook war gerade zum Schlagen von Ringen zugelassen worden. Somit wurden die Möglichkeiten zum Anbringen von Ringen für den Erstbegeher erweiterte. Nicht, das es die für den Sandstein passenden Skyhoos zu Kaufen gab. Nein, die meisten dieser käuflichen Metallhaken waren so geformt, dass man sich beim reinsetzen wenig später im Seil oder am Einstig wiederfand. Das lag daran das sowohl Winkel als auch die Schärfe der Kanten ungünstig waren. Der weiche Sandstein hielt diese Belastung nicht aus und bricht einfach. Es war also nötig selbst etwas zu basteln. Wir haben viel herumexperimentiert und der damalige Favorit war ein umgeschmiedeter Kleiderhaken aus einer Kantine. Warum einige dieser Kleiderhaken sich wieder aufbogen und andere hielten haben wir nie herausbekommen. Der Vorteil jedoch war, dass dieser Skyhook in sehr kleine Löcher passte und somit die Gefahr eines Ausbruchs geringer war. Ein anderes Model wurde aus einem Motorradgepäckträger  ein weiteres aus einem alten Ziegenhaken gefertigt. Dadurch war der Radius passend um sich an runden Bändern hinhängen zu können. Es gab auch einige Tage wo ich über den Schnee beim Schlagen des ersten Ringes dankbar war. So zum Beispiel als am Affenhorn in der Route "Klammeraffe" der erste Ring geschlagen wurde. Ich fühlte mich in den umgeschmiedeten Kleiderhaken so wohl, dass ich munter auf den Bohrer einschlug. Da die Wand sehr überhängt schaukelte ich langsam hin und her. Irgendwann meinte Chris-Jan ich sollte mal langsam eine Schlinge um den Kronenbohrer legen. Eigentlich fühlte ich mich sicher und der Schnee unter mir sah angenehm weich aus aber ich folgte dem Rat. Wenige Sekunden nachdem die Schlinge um den Bohrer lag, platzte der Skyhook aus in dem ich die ganze Zeit gesessen hatte. Da hatte ich ja noch einmal Glück gehabt. Der Sturz aus 3 Meter Höhe hätte eine schmerzhafte Arschbombe auf eine Wurzel werden können, die unterm Schnee versteckt lag. Jedes mal wenn ich heute die Obere Affensteinpromenade  am Affenhorn vorbei laufe und die Wurzel sehe schüttele ich den Kopf.



Das Erstbegehungsbesteck fürs Elbsandstein: Links Lochschlingen in verschiedenen Größen, der besagte Ziegenhaken als großer Cliff, ein gekaufter Hook, die 4 Kleiderhaken, Hammer, Ring, 2 Kronenbohrer, Flaschenbürste. 

Eine gelegte Lochschlinge.

Klammeraffe beim schlagen des 1. Ringes.



Wer es spannend fand kann ja ein Kommentar hinterlassen, vielleicht gibt es dann noch weitere Teile. Genug passende Erlebnisse dazu habe ich auf jeden Fall.  


Sandsteinleidenschaft